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Presse-Information
vom 7.1.2010
Uwe Schummer: "Das Gold in Köpfen und
Händen"
"Bildung ist ein Schlüssel zur persönlichen
Entfaltung, zur sozialen Gerechtigkeit und zum
Wohlstand. Bildung ermöglicht Aufstieg und schafft
Zusammenhalt. Deshalb wollen wir die
Bildungsrepublik Deutschland." Diese Sätze aus
der Präambel des Koalitionsvertrages skizzieren das
wichtigste Projekt der christlich-liberalen
Koalition. Das Potential unseres Landes sind die
Qualifikation und Motivation der Menschen. Doch
dieses Potential schwindet: 2015 werden der
deutschen Wirtschaft voraussichtlich drei Millionen
Beschäftigte fehlen. Heute schon berechnet das
Institut der Deutschen Wirtschaft den jährlichen
Auftragsverlust unseres Landes aufgrund fehlender
Fachkräfte mit 18,5 Milliarden Euro. 2008
verließen 909.000 junge Menschen die Schule, 2009
sank ihre Zahl auf 873.000, 2020 werden es
voraussichtlich weniger als 800.000 Schüler sein,
die eine Anschlussqualifizierung suchen. Berufliche
und akademische Bildung sind gleichwertig. Eine
Fachausbildung ist dem Abitur ebenbürtig. Meister
und Techniker sind auf der Ebene des Bachelor
angesiedelt. Mit 43% Studienanfängern hatten wir im
letzten Jahr ein Rekordergebnis an akademischem
Nachwuchs. Dabei darf das Studium nicht kostenfrei
und billig sein. Vielmehr müssen die zentralen
Aspekte auf finanzieller Barrierefreiheit und
qualitativer Hochwertigkeit liegen. Das sind die
Schlüsselbegriffe für ein erfolgreiches Studium.
Um dies zu finanzieren, brauchen wir eine
weitgehende Bildungsfinanzierung. Wir brauchen
Bafög, Bildungsdarlehen, Bildungssparen und
Stipendien. Das Bafög wird weiter ausgebaut.
Bildungsdarlehen sind nachlaufend und zinsgünstig
über das 30. Lebensjahr hinaus zu gewähren.
Bildungssparen ist von Geburt an zu fördern. Dazu
gehört das in der Koalitionsvereinbarung
vorgesehene Zukunftskonto mit einem Startguthaben
von 150 Euro, über welches auch Bildungsschecks
diskriminierungsfrei vergeben werden können.
Gleiches gilt für das jährliche Schulstarterpaket
von 100 Euro für hilfebedürftige Familien und das
geplante Betreuungsgeld. Das Zukunftskonto bündelt
private und staatliche Bildungshilfen. Es schafft
neue Anreize in der Bildungsfinanzierung. Die
Stipendienkultur in Deutschland ist unterentwickelt.
Die Zahl der Stipendien soll von zwei auf zehn
Prozent erhöht werden.
In die Zukunft
investieren, heißt in Bildung investieren. Die
demographische Rendite muss in kleineren,
effektiveren Schulklassen mit verbesserter Qualität
eingelöst werden. Die Goldvorräte der Deutschen
Bundesbank, die derzeit 85 Milliarden Euro betragen,
sollten zum Gold in Köpfe und Hände der Menschen
werden. Zehn Prozent könnten in den nächsten fünf
Jahren in eine Bildungsstiftung fließen, die
Stipendien in die akademische und berufliche Bildung
vergibt. Seit der Einführung des Euro sind die
Goldvorräte zur Stützung der Währung ungeeignet.
Unsere Finanzstabilität lebt von der Produktivität
der Bevölkerung. Der Kampf um die besten Köpfe hat
begonnen. Vor diesem Hintergrund ist die
ritualisierte Forderung nach einer Lockerung des
Kündigungsschutzes vorgestrig. Der Umgang mit den
Beschäftigten in der Weltwirtschaftskrise zeigt den
Paradigmenwechsel: Der Mensch ist nicht nur
Kostenfaktor, den "es zu eliminieren"
gilt, sondern vor allem Innovationsfaktor und
Aktivposten. Die Erkenntnis wächst: Wer in
Maschinen investiert, der muss auch in Menschen
investieren.
Der Bildungsgipfel
braucht Stetigkeit. Bund, Länder und Kommunen
begründen eine Bildungspartnerschaft. Sie
vereinbaren klare Ziele, die stetig überprüft und
weiterentwickelt werden. Der Bund hat mit den beiden
Hochschulpakten, dem Krippenprogramm, dem
Ganztagsschulprogramm und mit dem kommunalen
Investitionsprogramm wichtige Beiträge geleistet.
Der Haushalt für Bildung und Forschung für 2010
wird mit fast 11 Milliarden Euro 38 Prozent über
dem Haushalt von 2005 liegen. Die Ausgaben des
Bundes für Bildung und Forschung werden sich bis
2012 um weitere zwölf Milliarden Euro weiter
erhöhen. Der Gipfel darf nicht zum Geldgeschacher
verkommen. Sein wichtigster Erfolg ist, dass die
Zahl der Schulabbrecher seit 2007 von 70.500 aller
Schulabgänger auf knapp 61.000 im Jahr 2009
zurückgegangen ist.
Der Ausbildungspakt
wird Ende 2010 verlängert. Nach Fragen der
Quantität werden Fragen der Qualität und der
Flexibilität in den Vordergrund treten. Zwar sank
die Zahl der Ausbildungsplätze aufgrund der
wirtschaftlichen Lage von 616.342 auf 566.042 im
letzten Jahr. Dennoch ging auch die Zahlen der
nichtversorgten Bewerber von 14.505 auf 9.595 und
der Altbewerber von 320.278 auf 243.727 zurück.
Hierzu haben Einstiegsqualifizierungen und der
Ausbildungsbonus beigetragen. Sie sind effektive
Brücken in die klassische Ausbildung. 2008 wurden
139.296 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Die
Hälfte wechselte im dualen System. Die
Merkel-Regierung hat der frühzeitigen
Berufsorientierung einen hohen Stellenwert
eingeräumt. Im Haushalt von 2010 erhöhen sich die
Mittel für die frühzeitige Berufsorientierung von
7,5 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro. Die
Begabtenförderung wird für akademischen und
beruflichen Nachwuchs von 163,8 Millionen Euro 2009
auf 254,8 Millionen Euro steigen.
Die Gewerkschaften
müssen in den Ausbildungspakt einsteigen. Politik
und Sozialpartner sind in der Weltwirtschaftskrise
gemeinsam gefordert. Wer sich verweigert,
versündigt sich an den Menschen. Die Ausbildung
folgt dem Arbeitsmarkt. Es droht eine Erstarrung auf
dem Ausbildungsmarkt. In den Betrieben geht es erst
um die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze.
Leidtragende sind die befristet Beschäftigten und
diejenigen, die noch vor der Beschäftigungstür
stehen: die Auszubildenden. 1,6 Millionen Menschen
absolvieren eine duale Ausbildung in fast 500.000
Betrieben. Die Effizienz der deutschen dualen
Ausbildung zeigt sich darin, dass in Deutschland die
Arbeitslosigkeit unter den 15 bis 24-jährigen 11,1%
beträgt. In Großbritannien hingegen liegt der Wert
bei 17,5%, in Frankreich 22,5% und in Spanien bei
35,7%. Über tarifliche Öffnungsklauseln für
Ausbildungsvergütungen sollte gesprochen werden. Im
Schnitt lagen diese 2008 bei 642 Euro. Nach dem
Berufsbildungsrecht ist eine "angemessene
Ausbildungsvergütung" auch dann erreicht, wenn
sie 20% unter Tarif liegt. Die Ausbildungskosten
können bei einer hochtechnischen Ausbildung im
ersten Jahr eine Hürde sein. Ab dem zweiten Jahr
finanzieren sich Auszubildende in der Regel durch
ihren Arbeitseinsatz. Jährlich finanzieren Betriebe
und Verwaltungen 30 Mrd. Euro für die duale
Ausbildung; mehr als Bund und Länder zusammen. Wir
können Ausbildung fördern und den
Ausbildungsrahmen verbessern. Die Regierung Kohl hat
1997 beschlossen, dass ausbildende Betriebe bei
öffentlichen Aufträgen und gleichwertigen
Angeboten bevorzugt werden. 70 % der öffentlichen
Aufträge werden über die Kommunen vergeben.
Deshalb sollte das neue Vergaberecht entfristen
werden, so dass öffentliche Aufträgen nicht nur
schneller, sondern auch nach dem Kriterium der
Ausbildung vergeben werden können. Von den
Handwerkskammern wird die Ausbildungsreife vieler
Schulabgänger in Frage gestellt. 15% der
Ausbildungsplätze würden nicht besetzt, weil es
keine geeigneten Bewerber gebe. Defizite der
allgemeinen Bildung können an der Berufsschule
aufgearbeitet werden. Hierzu ist der
Ganztagsunterricht bis 17 Uhr sinnvoll. Nachmittags
sollten verstärkt Förderkurse für rechnen, lesen
und sprechen angeboten werden. Dies würde
Handwerksmeister motivieren, trotz Defizite in einen
Jugendlichen zu investieren. Ihre Potentiale sollten
stärker gesehen und gezielter gefördert werden.
Lehrlingswohnheime unterstützen die Mobilität in
der Ausbildung. Derzeit stehen 558 Wohnheime mit
60.000 Plätzen zur Verfügung. Junge Menschen, die
außerhalb ihres Elternhauses eine Ausbildung oder
Blockunterricht absolvieren, finden in den
Lehrlingswohnheimen mehr als eine Unterkunft.
200.000 junge Menschen nutzen jährlich die
Wohnheime. Im Haushalt 2010 sind 40 Millionen Euro
für Überbetriebliche Ausbildungsstätten und
Lehrlingswohnheime vorgesehen. Auch hier können
verstärkt ergänzende soziale Betreuung und
Fördermaßnahmen angeboten werden. Weiterbildung
braucht einen neuen Stellenwert. Mit der Öffnung
des Vermögensbildungsgesetzes für das
Bildungssparen wurde 2008 eine neue Tür geöffnet.
Nun geht es darum, den Raum auszugestalten. Die
Mittel für das "Lernen im Lebenslauf"
werden im Haushalt 2010 um 54 Prozent auf 215
Millionen Euro steigen. Das geplante Zukunftskonto
schließt die Lücke von der Geburt bis zur
Erwerbstätigkeit. Die im Januar 2009 von der
großen Koalition eingeführte Bildungsprämie von
154 Euro für Geringverdiener hat auf unser Drängen
hin einen quantitativen Sprung auf 500 Euro
jährlich gemacht. Der Kreis der Berechtigten ist
auf ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 25.600
Euro bei Alleinstehenden und auf 51.200 Euro bei
Verheirateten ausgeweitet worden. Zwei Drittel der
sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben
demnach einen Anspruch auf die Prämie. Der
Teilnehmer und/oder sein Arbeitgeber verdoppelt sie.
Die Finanzierung ist mit 45 Millionen Euro aus dem
Europäischen Sozialfonds gesichert. Die Gelder sind
bis Ende 2011 befristet und eine wirksame Hilfe, um
gestärkt aus der Wirtschaftskrise zu kommen. Für
höhere Einkommen besteht ein steuerlicher
Pauschalbetrag von jährlich 920 Euro, der für
Weiter-bildungskosten abgesetzt werden kann. Die
Verbesserung der Weiterbildungsberatung durch eine
Ausweitung der akkreditierten Beratungsstellen von
425 auf 600 und eine Erhöhung des Zuschusses für
jede Beratung von 20 Euro auf 30 Euro sind weitere
Elemente, die permanente Weiterbildung zu stärken.
Wir brauchen eine höhere Durchlässigkeit zwischen
dem akademischen und dem beruflichen Bildungsweg.
Der Wechsel zwischen den Bildungswegen muss
erleichtert werden. Variabilität ist ein Schlagwort
der Arbeitsgesellschaft. Im Sinne des
"Lebenslangen Lernens" muss sowohl der
akademische als auch der berufliche Bildungsweg
wechselseitigem Einfluss offen stehen. Besser in
Menschen investieren, als an der Börse spekulieren.
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns
gezeigt, dass wir eine neue Bewertung des Menschen
im Wirtschaftsgeschehen brauchen. Der Mensch ist
mehr als die Zahl in einer Rechnung. Bildung ist die
Voraussetzung, um gestärkt aus der Krise heraus zu
gehen.
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